Die Regatta
Der Aegean 600 ist eine der anspruchsvollsten Hochseeregatten Europas: rund 600 Seemeilen nonstop und unassisted, Start und Ziel am Kap Sounion südlich von Athen. Der Kurs führt einmal quer durch die Ägäis — von Sounion nach Milos, weiter Richtung Kreta, durch die berüchtigte Passage zwischen Kasos und Karpathos, an Rhodos vorbei nach Kandeliousa, im Zickzack durch den Dodekanes (Kos, Kalolimnos, Farmakonisi, Agathonisi, Patmos), zum Gate bei Mykonos und schließlich über Kea zurück ins Ziel.
Unassisted: keine Hilfe von außen, kein Hafenstopp, keine Ersatzteile. Was an Bord ist, ist an Bord. Was kaputtgeht, wird auf See repariert — oder es ist vorbei.
Im Starterfeld waren heuer 71 Boote. Wir waren die einzige reine Frauencrew.
Der Anlauf: 515 Meilen
Es war unser zweiter Versuch. Im Vorjahr mussten wir nach 515 Seemeilen aufgeben — Segelschäden, zwei gerissene Vorsegel, und damit war die Regatta für uns zu Ende. 85 Meilen vor dem Ziel. Diese Zahl ist im Team seither nie ganz verschwunden.
Heuer sind wir mit einem neuen Boot angetreten: Phileas Fogg, einer JPK 39, Baujahr 2024. Vier Tage Training vor Ort, ein Boathandling-Playbook für jedes Manöver in jeder Crewbesetzung, ein durchgeplantes Wachsystem und ein Navigationskonzept auf Basis von PredictWind — inklusive einer klaren Regel, was bei welcher Windstärke auf welchem Kurs steht.
Ein großer Teil unseres Wissens kam von Dimitris, unserem griechischen Vercharterer, der die Strecke kennt wie kaum jemand. Sein wichtigster Satz hat es bis ins Ziel geschafft: „On this boat Exit is down.“ Und so haben wir auch 45 Knoten bei Kasos und Karpathos gut überstanden.
An Bord
Gesegelt wurde im 4-Stunden-Rhythmus: vier Frauen an Deck, vier unten. Das heißt, jedes Manöver muss auch mit halber Mannschaft funktionieren — reffen, bergen, Code 0 setzen, Gennakerwechsel von A2 auf A5. Nur an den wirklich harten Passagen hieß es all hands on deck.
Die Crew:
Julia Stelzl (Skipperin/ UYCAs), Johanna Schmidt (Taktik/Steuer), Lisa Farthofer (Navigation/Steuer/UYCAs), Daniela Spöttl (Vorschiff/Medizin), Lea Sophie Rabeder (Vorschiff/Steuer/UYCAs), Gloria Seyr (Mast), Laura Födermayr (Trimm), Greta Donner (Trimm)
Der Rennverlauf
Der Start und der Weg nach Süden verliefen weitgehend nach Plan — der erste Abschnitt Richtung Milos ist der einfachste des ganzen Kurses, viel raumer Wind, hohe Bootsgeschwindigkeit.
Der schönste Segeltag kam danach: 25 bis 30 Knoten Wind, über 16 Knoten Bootspeed, das Boot surft die Wellen. Und das Bemerkenswerteste daran war nicht die Geschwindigkeit — sondern die Stabilität im Boot und die Ruhe an Bord. Alles Schritt für Schritt, kein Manöver hektisch. Diese Ruhe war rückblickend das Wichtigste, das wir mitgebracht haben.
Kasos und Karpathos sind der Knackpunkt der Regatta, und alle warnen einen davor. Zwischen den Inseln läuft der Wind zusammen wie in einem Trichter — es kann null Knoten haben, es kann 65 haben. Niemand weiß es vorher. Wir kamen bei Sonnenuntergang durch und waren vorbereitet: über 30 Knoten, Gennaker sofort runter, zweites Reff, volle Genua. Genau so, wie wir es geübt hatten. Und so konnten uns auch die 45 Knoten nichts anhaben.
Die härteste Nacht war die vor Kandeliousa. Stockfinster. Ein paar Meilen vor uns stand ein Gewitter, das wir weder gesehen noch kommen gesehen haben — wir haben nur gespürt, was herauskam: über 30 Knoten und eine unfassbare Welle. Und wir mussten kreuzen. "Exit is down" funktioniert nicht, wenn es kein Down gibt. Mit drei Wenden sind wir um das Ding herumgekommen. fünf Stunden am Steuer, rotes Stirnlicht, und dann unter Deck bin ich im Sitzen eingeschlafen.
Das Finale war dann die größte Überraschung — und die grausamste. Nach einem wunderschönen Kreuz Richtung Kos ging es auf das letzte Stück, das wir intern nur "die Autobahn" nennen. Genau dort ist uns im Vorjahr das zweite Segel gerissen. Heuer ging stattdessen der Wind aus. Spiegelglatte See, schlagender Baum, zwei Stunden Kreuzsee und Stillstand, wenige Meilen vor der Linie. Man versteht die Welt nicht mehr.
Das Ergebnis
Und dann war sie da. Zieleinlauf: 9. Juli 2026 Segelzeit: 4 Tage, 8 Stunden, 25 Minuten und 26 Sekunden 9. Platz in der Klasse ORC 2 — 71 gemeldete Boote, eine Frauencrew600 Meilen, nonstop, unassisted. Nach 515 Meilen im Vorjahr sind es diesmal alle 600 geworden.
Ein großer Dank gilt allen, die das Projekt möglich gemacht haben — dem Team, den Unterstützern und Dimitris, ohne dessen Wissen wir die Passage bei Karpathos anders erlebt hätten.
Und abschließend können wir sagen, dass es sich sehr leicht angefühlt hat & die nächste Langstreckenregatta ist jetzt schon in Planung.
Ein Bericht von J.Stelzl
