Bei dem diesjährigen Rolex Middle Sea Race war ein zehnköpfiges Team mit der XP 44 von In2theblue, der schönen Aqua Nomis, am Start. Skipper Michael Oberweger (UYCAs) wurde dabei von seinen Crewmitgliedern Max Miller (GER), Lisa Farthofer (UYCAs), Chantal Staub (SUI), Thalita zur Werra (SUI), Bernd Reisner (OeSV), Christoph Haag (SYCS), Konrad Gerger sowie Ulrike und Manfred Mokre (beide SCA) verstärkt. Gemeinsam stellten sie sich der legendären Herausforderung rund um Sizilien – einem Kurs, der alles von Mensch und Material verlangt.
Der Morgen des Starts könnte kaum eindrucksvoller sein. 110 Boote tummeln sich im Grand Harbour von Valletta, die historischen Mauern spiegeln sich im glitzernden Wasser, die Spannung ist greifbar. Kurz vor 11:30 Uhr drehen wir unsere Kreise – dann der Kanonenschuss. Der Start. Wenig Wind, enge Platzverhältnisse, doch erste Böen bringen Leben in die Segel – ein Vorgeschmack auf das, was uns erwartet.
Kaum haben wir die Hafeneinfahrt hinter uns gelassen, setzen wir nach der ersten Boje den Gennaker. Ziel: So schnell wie möglich Richtung Sizilien, bevor die nahende Kaltfront über uns hereinbricht. Schon bald prasselt Regen auf das Deck, Blitze und Donnergrollen umgeben uns. Nach kurzer Flaute zieht die Kaltfront durch, der Wind frischt kräftig auf – 20 Knoten, Regen peitscht uns ins Gesicht. Wir segeln hart am Wind und machen dabei einige Plätze gut.
Am Abend des ersten Tages, um 18 Uhr, beginnt unser Wachsystem: drei Stunden “on deck”, drei Stunden Pause. Das An- und Ausziehen bei dieser Krängung wird zur sportlichen Übung, und Schlafphasen sind eher Wunsch als Wirklichkeit. Gegen 22 Uhr sichten wir die Südküste Siziliens – ein Etappenziel, das neue Motivation gibt.
Der nächste Tag führt uns am Ätna vorbei durch die Straße von Messina. Trotz zwei Knoten Gegenströmung halten wir tapfer Kurs und machen konstante Fahrt durch kluges Segeln und einen schnellen Trimm. Nachmittags passieren wir den Waypoint und steuern auf Stromboli zu. Bei sieben Knoten Wind und Sonnenschein trocknet die Crew endlich und das triefende Ölzeug unter Deck verursacht ein Klima, das einer tropischen Dampfsauna gleicht. Gegen Mitternacht dann das spektakulärste Schauspiel der bisherigen Strecke: Lavafontänen aus dem Krater, das tiefe und mächtige Grollen des Vulkans – ein Moment, der uns ehrfürchtig innehalten lässt.
Die Etappe entlang der Nordküste Siziliens entpuppt sich als Geduldsspiel. Kaum Wind, wechselnde Richtungen, unzählige Segelwechsel. Der Fortschritt ist zäh, und doch schenken uns sternenklare Nächte, leuchtender Plankton und drei Sichtungen von Streifendelfinen pure Magie. Die Stimmung an Bord bleibt gut – Routinen greifen, das Team funktioniert.
Vor Palermo dann eine Nacht im Windloch. Erst mit Tagesanbruch kommt Bewegung ins Spiel. Lisa übernimmt das Steuer, der Wind zieht an, 25 Knoten im zweiten Reff – endlich wieder Tempo! Am Dienstagmittag segeln wir an Favignana vorbei, in der Nacht passieren wir Pantelleria. Kurs: Lampedusa!
Vor der Insel beginnt die Aufholjagd. Die Spitzenboote stecken in der Flaute, wir wittern unsere Chance – bis dann auch uns der Wind verlässt. Erst am Nachmittag kommt wieder Bewegung in die Segel. Mit Gennaker rauschen wir Richtung Lampedusa, 18:30 Uhr Waypoint. Letzte Nacht. Laut Vorhersage soll der Nordwind um Mitternacht einsetzen – doch stattdessen herrscht völlige Stille. Erst vier Stunden später kommt der erhoffte Nordwind und frischt auf. Wiir fliegen über die Wellen. 15 bis 21 Knoten Wind, 10 bis 12 Knoten Speed – pure Euphorie. Max schreibt mit 12.9 Knoten SOG unseren flottesten Wert des Rennens.
Nach Sonnenaufgang öffnet sich der Blick auf Gozo, dann Malta. Die letzten Halsen sitzen perfekt, alle sind fokussiert, das Adrenalin hält die Müdigkeit fern. Noch ein Bojen Manöver, bevor es auf die Zielgerade geht. Eine Böe trägt uns nach vorn und wir gehen auf den Kreuzkurs, um uns auf die wenigen hundert Meter bis zur Ziellinie zu machen.
Dann ein Krachen. Das Boot richtet sich auf, der Mast liegt im Wasser. Sekunden der Stille, bevor die Situation durchsickert. “Ist jemand verletzt?” – “Nein.” Erleichterung. Michi reagiert sofort, wirft den Motor an. Schwer manövrierfähig treiben wir aufgrund der Welle und des gefallenen Mastes in Richtung Felsmauer der Stadt. Rasch wurde das Race Committee angefunkt und um Hilfe gebeten. Es dauerte nicht lange, bis sie bei uns waren.
Ein Motorboot schleppt uns in den Hafen von Valletta. Mit vereinten Kräften stabilisieren wir den gebrochenen Mast, bringen die Segel an bord und werfen Anker im Bojenfeldn, Schlussendlich schaffen wir es sogar bis zu unserem Liegeplatz beim Royal Malta Yacht Club. Boot und Crew sind zurück – erschöpft, wohlauf, aber leider nicht ganz heil.
Nach diesem dramatischen, fast surrealen Finale stoßen wir gemeinsam an. Ein kaltes Bier, stilles Lächeln, tiefer Respekt füreinander. Wir sind stolz auf das, was wir geleistet haben – und froh, dass alle unverletzt geblieben sind. Auch wenn der gebrochene Mast das Rennen wenige hundert Meter vor Schluss beendet hat, bleibt eines klar: Diese Regatta hat uns gezeigt, was wahre Teamarbeit bedeutet – auf dem Wasser, im Sturm, und weit darüber hinaus.
Ein Bericht von Chantal Staub und Lisa Farthofer
Fotos von Konrad Gerger
